Als Waldläufer im Winter (über)leben

Freitagmorgen, 10 Uhr. Ich laufe mit meinem Rucksack bepackt zum Bahnhof, um ins Saarland, genauer an den südlichen Rand des Naturparks Saar-Hunsrück, zu fahren. Die Temperaturen von ca. 7°C sind für Februar nicht ungewöhnlich. Vor allem scheint heute morgen die Sonne und ich genieße die Strahlen, die mein Gesicht treffen. Ich ahne schon, dass ich dieses Gefühl die nächsten drei Tage nicht mehr erleben werde – vor allem beim Blick auf die Wetter-App: die sagt Temperaturen um den Gefrierpunkt und 100% Regenwahrscheinlichkeit voraus. Mir ist klar, was das bedeutet…

Ich bin auf dem Weg zu einem dreitägigen Survival-Kurs von saarvival.de, der in den Wäldern des Haustadter Tals stattfindet. Die Ausschreibung lautet „Intensivkurs mit dem Winter als Lehrer“! Genau das wird uns am meisten zu schaffen machen: die Temperaturen von etwas über Nullgrad und viel Regen.

Auf meinem Weg zum Trainingsgelände treffe ich am Zielbahnhof unseren Trainer. Von dort fahren wir an den Waldrand und laufen zum Camp. Das Wetter zeigt sich hier bereits deutlich frostiger als am Morgen und wir haben auch keine Zeit darüber nachzudenken, denn es geht gleich los, die Unterkunft für die Nacht vorzubereiten. Es wird in etwa zwei Stunden dunkel und bis dahin muss die Laubhütte inklusive der Waldläufermatratzen komplett ausgebessert und wetterfest gemacht werden. Außerdem muss Feuerholz für die Nacht gesucht werden. Keine leichte Aufgabe! Aber wenigstens wird es uns warm dabei.

WinterSurvival2016-Laubhuette

Laubhütte als behelfsmäßige Unterkunft mit drei Waldläufermatratzen

Wir, das sind fünf Teilnehmer, die gemeinsam die nächsten drei Tage – zwei Nächte – draußen im Wald verbringen wollen und die praktischen Grundlagen des Überlebens im und mit dem Wald lernen wollen. Einige von uns bringen schon Vorwissen dafür mit. Die größte Herausforderung wird daher sein, das ganze in dieser Jahreszeit zu bestehen.

Beim Laubsammeln für unseren Shelter gehen mir gleich verschiedene Dinge durch den Kopf: ich will es heute nacht warm haben!, Zecken?, was, wenn die Laubhütte Feuer fängt?, alle Sachen anziehen, die ich habe, und die „21 Tips for Winter Woodland Wildcamping„.

WinterSurvival2016-ShelterMitFeuer

Während der Nacht wärmt uns ein kleines Feuer in der Mitte des Shelters

Bei Anbruch der Dunkelheit sind wir nur halbwegs mit der Unterkunft fertig und beginnen, Feuerholz zu suchen. Wir werden die Nacht zu dritt in der Laubhütte verbringen – ohne Schlafsack und Isomatte – und ein kleines Feuer in der Mitte anzünden, was uns etwas Wärme spenden soll. Außerdem sind wir mit einigen Rettungsdecken ausgerüstet, deren Effektivität ich schon immer mal austesten wollte. Dazu kann ich schon sagen: das habe ich in der ersten Nacht gemacht – mit unterschiedlichen Erfahrungen!

Letzte Übung an diesem ersten Tag ist noch, ein Feuer mit nur einem Streichholz zu entzünden. Das Feuer sollte auch eine Weile dann brennen… Wir sind fast alle daran gescheitert!
Lesson learned!

WinterSurvival2016-Feuer-Shelter.PNG

Kleines Feuer am Laufen halten

Die erste Nacht verläuft dann gar nicht so schlecht. Zwar sehr kalt und nur mit ein zwei Stunden Schlaf insgesamt, aber wir haben das Gefühl, ja, hier verlassen wir definitiv unsere Komfortzone, aber wir haben es einigermaßen im Griff und durchstehen es ohne größere Probleme. Ich lerne, was Unterkühlung ist und wie ich es fühle und was ich dagegen tue.
Lesson learned!

Am nächsten Tag stehen verschiedene Punkte auf dem Programm. Die Prioritäten ergeben sich bei diesen Witterungsverhältnissen und einsetzendem starken Regen von selbst: trockenes Feuerholz finden und sammeln, Wasser finden und abkochen, Feueranzünden üben. Es gäbe auch noch den Punkt Notnahrung, aber das ist im Winter extrem schwierig… Ich klammere das für mich aus, zumal es immer ein leckeres Frühstück und Abendessen gibt!

WinterSurvival2016-KochenBeiRegen

Im Regen am Feuer kochen

WinterSurvival2016-Fichtenspan

Fichtenspan fürs Feuer vorbereiten

Im Laufe des zweiten Tages ergibt sich noch ein weiteres Problem. Durch den anhaltenden Regen (und Matsch) sind mittlerweile alle Kleidungsstücke (inklusive Schuhe) stark durchnässt. Meine Regenjacke tropft einfach wie nach dem Waschen, aber ohne Schleudern! Schutz vor der Witterung ist einfach essentiell.
Auch in unserer Laubhütte steht das Wasser bzw. dringt überall durch, sodass wir verzweifelt versuchen, die Unterkunft mit Tarps und Rettungsdecken einigermaßen wasserdicht für die nächste Nacht abzudecken. Unser Trainer entscheidet, dass wir die zweite Nacht im Schlafsack verbringen können oder sollen. Einfach um für den dritten Tag inkl. Abreise wieder fit zu sein.
Soviel kann ich sagen: die Nacht war kalt und nass, es hat geregnet, ja sogar kurz geschneit. Aber im Schlafsack war es wirklich mehr als erträglich und warm! Auch wenn er außen nass war! Ein guter Schlafsack ist in so einer Situation wirklich Gold wert.
Lesson learned!

WinterSurvival2016-Unterschlupf

Unser Shelter am zweiten Tag mit den Schlafsäcken

WinterSurvival2016-Regentarp

Bei Regen unter dem Tarp die Nacht verbringen

Am dritten Tag gibt es dann einige Inputs zu den Themen Erste Hilfe, Fallenbau und Feuerbohren. Wir sind aufnahmefähig, aber irgendwie stecken doch die Kälte und die zwei letzten Nächte in unseren Gliedern. So geht zum Beispiel das Schnitzen nicht mehr so leicht von der Hand, und mir will der Bowdrill nicht gelingen. Auch wenn ich ihn schon dutzende Male in den vergangen Wochen und Monaten gemacht habe. Ich merke, dass ich deutlich aus meiner Komfortzone heraus bin.
Lesson learned!

WinterSurvival2016-Figure4-Falle

Figure-4 Falle geschnitzt

Wie verlässt man am Ende so ein Training? Was ist mein Fazit?

Ich würde es auf jeden Fall wieder tun! Egal, wie das Wetter ist!
Wir haben wirklich etwas „gemacht“! So ganz praktisch. Und auch Fehler. Daraus lernt man.
Im Wald (über)leben ist schön, ja einzigartig. Es bedarf der Anpassung, aber es fühlt sich natürlich an.

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